Sylvia Geist „Auf dem Heimweg“ und „Kleine Komparation für Gras"

 

Auf dem Heimweg

Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen. Auf den nixengrünen
Hügeln liegt ein Nachmittag, der schon
gestorben ist, in seinem Glück vielleicht.

Auch wenn es sie gäbe, Paralleluniversen
bedeuten, du kannst denselben Abzweig
nicht noch einmal verfehlen. Dieses Mal
weiß auch Bobrowski nicht weiter, wohnt
gar nicht hier, und wir müssen es sein,
die in kalten Fingern ein armes löchriges
Firmament aus glitzernder Pappe halten,
du an dem einen, ich am anderen Giebel.

Licht sickert aus dem Garten durch einen,
wo zwei mit ihren Schatten gehen und reden,
in einen dritten ohne Schatten, und was
sie sagen könnten, steht als Rauch aus
ihren Mündern überm Schnee. Der Alte
spuckt Nägel, nickt über den First: Da lang
könnt ihr verschwinden, und wir, Figuren,
die der Held einer Komödie erzählt, folgen.

Kleine Komparation für Gras

Ich liebe den Essigbaum, der unter falschem Namen lebt,
den Trughirsch ohne Tränengruben und Besinnung.

Gras liebe ich tief genug für seinen Karpfen, im Maul
des Teichs die Weide, die liedlosen Pfauenaugen

Tag und Nacht. Die Zusammenhänge, die vor meinen
ein Wäldchen um sich schließt, habe ich zu lieben

beschlossen, den Feuerleiter, das mächtige Gras,
betaubt und alle seine Komparsen wie jedermann

einzeln und unvergleichlich. Zu sagen, ich liebte
niemand mehr, liebe ich mehr wie den ohnmächtigen Hirsch.

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