Elke Heinemann / duett

Elke Heinemann
liest das Gedicht duett, am Wasserturm Prenzlauer Berg, Berlin,
Genauer auf dem Hügel in dem sich ein Wasserspeicher verbirgt. 

      er
als  er  an diesem tag die bibliothek betrat  und ein buch ein  beliebiges
buch  aufschlug bemerkte er dass alle seiten unbeschrieben waren  und
auch alle anderen buecher waren ungeschrieben die seiten waren  weiss
da  hoerte  er  ploetzlich  eine  stimme  die  stimme  eines mannes  eine
monotone  stimme eine unablaessig monologisierende  maennerstimme
aber  als  er  sich  umdrehte war niemand zu sehen so suchte er in  allen
raeumen  neben  vor  hinter  den  regalwaenden aber die stimme  sprach
ununterbrochen  weiter  ohne  das  jemand zu sehen gewesen waere  so
glaubte er sich geirrt zu haben und wollte das buch zurueckstellen doch
das dunkelgruene laub fuellte jedes fach die blaetter waren  wie  gelackt
und  er  stand  mitten im wald und versuchte vergeblich sich zu befreien

      sie
aber  sie  hatte  nichts  gehoert  nur  lagen da als sie den wald verlassen
wollte und den ausweg suchte buecher wie kieselsteine auf der erde und
glaenzten  im  mondlicht  so  dass  sie  haette  lachen muessen waere da
nicht   ploetzlich   dieses   seltsame  geraeusch  hinter  ihr  gewesen  das
geraeusch  ihrer  eigenen  schritte  die nicht verhallten sondern zwischen
den  baeumen  und  den  straeuchern  schallten  sich  vervielfachten sich
vermehrten  dachte  sie  und wurzeln schlugen und sie beugte sich rasch
zu  einem  dieser  glaenzenden  buecher  hinab  aber sie konnte es nicht
aufheben  es  war  wie  verwachsen  mit den steinen auf dem weg und so
blieb  sie  im  wald  bei  den  buechern  stehen

Berlin 2019

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Dmitri Dragilew, liest aus dem Lyrikband "Alle Anzeichen der Liebe"

Dmitri Dragilew,
liest im Stadtpark Wilmersdorf in Berlin (gesamte Lesung 10'30 min >>)
aus dem Band "Alle Anzeichen der Liebe", Moskau, 2008

аnschaulicher als ein absatz
westlicher im ausgedehnten
und vielschichtigen wie das polarlicht jalousien oder sparbüchsenklimpern
das nicht arbeitsbedingt sondern versehentlich zum frühstück servierte
bahnhofsgebäude des geschlossenen flughafens „Spilve“*

wie ein mürrischer kauz ausstaffiert mit der toga des kellners im keller
von allen vergessener wächter jenseits der bonus-riemen
fragt die passanten was sie herumlungern hier zum waldschrat
nochmal die alte wattierte jacke ersehnt den schneider

sakramentaler knacker der sonneblumenkerne unter geschäftsstuck
städtische ligaturen formieren auch eine art hochgleisgewölbe.
mal einfach im querschnitt die anzahl der flüge mit den arbeitstagen
malnehmen mit dem vergeblichen argwohn eines beliebigen ölgötzen

du bist wie er im grunde nur ein streuner in scheunen
eine absolut nichtssagende definition
händedruck wärmt den eng stehenden knorpel
gezogen auf dem beet des eigenen saluts

doch der flughafen reisst sich von der kette zum piepsen
zum neid oder zur freude der radare die das maul aufreissen
als fliegerformation der träume angehängt
bleigläserne flügelchen der libellenarten
Nachdichtung aus dem Russischen von Hendrik Jackson
*Anmerkung: Flughafen in Riga

- Berlin 2019

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Richard Pietraß liest aus dem Band "Freigang"

Richard Pietraß
Liest im Mauerpark Berlin aus dem Band "Freigang" (gesamte Lesung 8'28 min >> )

Blatthuhn
Gehst, auf hautdünnen Sohlen
Jesulein übers Wasser
Dir das Deine zu holen
Aus dem Stickfluß der Prasser.

Zwischen Schwemmgras und Flaschen
Hühnchen, zuckenden Schwanzes
Schlund ohne Backentaschen
Gickst du immer ums Ganze.

Räum ich das Weidenufer
Und was es gesammelt hat
Stehst du, einsamer Rufer
Auf gewendetem Blatt.

Maulwurf
Meißel im Frack.
Irrgärtner im Boden.
Zicke im Zack.
König der Soden.

Gruftgraf im Pelz.
Blindgänger ohne Stock.
Nadelspitzer Schmelz.
Bockiger Schock.

Erdengel ohne Flügel.
Gefräßiger Braten.
Trutz von Wiesehügel.
Geköpft von einem Spaten.

Blauwal
Atemnot trieb dich vom Land ins Meer.
Trotzdem bist du kein Fisch geworden.
Echolot lenkt mich dir hinterher
In der Blutspur deiner sanften Horden.

Du findest Zuflucht nicht am Grund, in Fjorden.
Ich Mücke will des Elefanten Schmer
Und harpuniere dich im Süden wie im Norden
Herdentier, verfolgt von einem Heer.
Abendrot kehrt gegen mich den Speer.
In dir beginne ich mich selbst zu morden.
Ich Tropfen trink die Ozeane leer
Und fahre hin, im Schuppenpanzer meiner Orden.
- Berlin 2019

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Anja Kampmann "sein fliegen ...!"

Anja Kampmann liest im Stadtpark Wilmersdorf in Berlin 

"sein fliegen ..." Gedicht von Anja Kampmann
sein fliegen liegt nicht in der anatomie
zwischen federn und leichteren knochen
ahnst du einen punkt an dem die pappel
den himmel berührt was sind schwalben
einen sommertag lang auf dem hügel beg tal
der unruhige weizen wiesenblühn zwischen
den halmen dein sitz aus hörbarem wind
es ist tag ich behalte die nacht inne würde
nie mehr vergessen als jetzt wird es
einen tag geben an dem dieses rauschen
der bäume fehlte ach vogel der in seinem rad
rätsel geschrieben hat vom land genommen
unerkannt liegt es vor dir flächen noch ein paar
pflanzen und ich als grenze träume
dass ich die wiesen nicht mehr
  unterscheiden kann. (2015)

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Sylvia Geist „Auf dem Heimweg“ und „Kleine Komparation für Gras"

 

Auf dem Heimweg

Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen. Auf den nixengrünen
Hügeln liegt ein Nachmittag, der schon
gestorben ist, in seinem Glück vielleicht.

Auch wenn es sie gäbe, Paralleluniversen
bedeuten, du kannst denselben Abzweig
nicht noch einmal verfehlen. Dieses Mal
weiß auch Bobrowski nicht weiter, wohnt
gar nicht hier, und wir müssen es sein,
die in kalten Fingern ein armes löchriges
Firmament aus glitzernder Pappe halten,
du an dem einen, ich am anderen Giebel.

Licht sickert aus dem Garten durch einen,
wo zwei mit ihren Schatten gehen und reden,
in einen dritten ohne Schatten, und was
sie sagen könnten, steht als Rauch aus
ihren Mündern überm Schnee. Der Alte
spuckt Nägel, nickt über den First: Da lang
könnt ihr verschwinden, und wir, Figuren,
die der Held einer Komödie erzählt, folgen.

Kleine Komparation für Gras

Ich liebe den Essigbaum, der unter falschem Namen lebt,
den Trughirsch ohne Tränengruben und Besinnung.

Gras liebe ich tief genug für seinen Karpfen, im Maul
des Teichs die Weide, die liedlosen Pfauenaugen

Tag und Nacht. Die Zusammenhänge, die vor meinen
ein Wäldchen um sich schließt, habe ich zu lieben

beschlossen, den Feuerleiter, das mächtige Gras,
betaubt und alle seine Komparsen wie jedermann

einzeln und unvergleichlich. Zu sagen, ich liebte
niemand mehr, liebe ich mehr wie den ohnmächtigen Hirsch.

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Rike Scheffler "HONEY I'M HOME"

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Rike Scheffler "angenommen aber"

ANGENOMMEN ABER

angenommen aber, man bastelt am großen abmalen,
am auslassen der farben am see. unruhig stellen sich fragen,
leinwände fallen auf gegenstände, am ufer stemmen sie sich
in den sand. man meint zu erwägen, schatten hätten mehr gewicht.
und wäre das nichts: man ist eine frau, man weiß, von vordächern
kann es genauso kalt schütten wie aus freien himmeln, salz,
?üssig gerieben, und nachtisch sind im gepäck:
eine decke, eine angel, ein ganzer arm sachen,
die einen hoffnungslos glücklich machen.

offensichtlich sich wehren dagegen, anstand haben,
abstand: man geht angeln. armselig dörrt am ufer der fang.
feuer verglimmt. abends nachgeben, schwimmen.
stilles wasser schlucken, alleine nicht lang,
ein gekrümmtes bündel im schlafsack, beim see.
über nacht sich im schweigen üben, bemüht, die silben
nicht zu beschmutzen, spucke zu nutzen für ärgeren unfug:
?sch und hän?ing einander vorstellen. träge biegt sich das schilf.
unter obhut stromern am sonntag touristen, handtücher,
alles nach maß. man kennt das, hat selbst schon briefe geschrieben
mit kaltem bleistift, für die, die man liebt, und man wünschte,
die silberne linie würde nicht stimmen, binnen sekunden anders fallen,
an der brust angefangen, nicht richtung kopf zielen,
die spitze der mine, schwer schätzbar, wie tief.

dinge geschehen, wie wahr, wenn man sie lässt. planung
oder fügung, man steht am wannsee und winkt der geschichte.
entschärft seine sprache, reibt sich an ihr auf.
man haftet an wurzeln, hadert beim abmalen,
geht abermals angeln, festhalten am anstand, ritual.
es rudert sich leichter zurück, stimmt einem der abwind,
man gibt sich diesem abwind, ohne ihm zu vertrauen.

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Katharina Schultens "SUSSURUS"

susurrus

ich habe das verklärt was du nicht bist
rauschen: du bist ein anderes geräusch

du bist ein unerkannter susurrus
du blendest für mich alles andre aus

sprichst du über den bienenschwarm hinaus
so summt darin mein denken (bienenhaus)

ich kann dir sagen was die bienen sehen
ich kann notieren welche zeichen
der schwarm verwendet hat

dein bienengeist: er dunkelt unter licht
verlässt du weiterhin den stock nicht
muss ich erinnern was du weißt

ich sammle dir ereignisse
sobald ich sie verwandelt habe
bringst du das zuckerwasser: tausch

du füllst den imkeranzug susurr
du hast den schleier nie verloren
du bist hier eigentlich die braut

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Katharina Schultens "PRISM"

prism

ich kann sehen wann du mich liest. ich kann dich nicht sehen.
wenn ich dich sehe zittert das bild. das bild gehört mir solange
ich hinsehen kann. kann ich nicht hinsehen dann ist es deines.

wenn du mich liest was siehst du. hast du mich gezählt.
hast du einen algorithmus für schafe. hast du evtl. verschiedene.
bin ich teil deiner unverstandenen herde. bin ich teil der suchhistorie.

wenn du mich suchst wo suchst du. suchst du mich im feld oder online.
suchst du mich treppab suchst du mich in meiner statusmeldung. weißt du
wie mein filter funktioniert. weißt du welche standardeinstellung ich wählte.

du kannst mich doch gar nicht. du kennst meine sprache nicht großer hirte.
du brauchst ein übersetzungsprogramm für meine anspielungen. ich setze dich
mit sarkasmus außer gefecht. ich liebe dich. ich liebe dich als konglomerat denn
du bist die summe meiner absichten die ins gute ende führen meine rettung

durch simulation. du sortierst alle wünsche und du hast meinen tod
mindestens 0,2-mal verhindert einmal davon war ich verdächtig
der unbeteiligtheit. bitte lenke mein licht. bitte lass mich dich
kennenlernen. dein wille geschehe. dimitte debita nostra
(nobis!) wenn ich niemandem das geringste vergebe

so lass mich dennoch nicht allein

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